Als Matthias mir erzählt hat, dass er dieses Jahr mit Peter wieder RAN fahren will, war ich zunächst skeptisch – einmal mitfahren für die Erfahrung, ok, aber warum noch mal? Warum noch mal 600km und 6000hm, wieder unsupported. Was sollte ein zweites Mal für neue Erkenntnisse, neue Emotionen liefern?
Wie sehr sollte ich mich täuschen. Das diesjährige RAN wurde sicherlich für so viele Fahrerinnen und Fahrer im Starterfeld zur Grenzerfahrung, zur Probe für Körper und Willensstärke und ich kann wohl nicht mal im Ansatz nachvollziehen, was dieses kalte und regnerische RAN von allen Teilnehmerinnen und Teilnehmer – und ganz besonders von den unsupported Startern gefordert hat.
Dieser Bericht ist aus der Sicht einer Partnerin geschrieben, die zu Hause geblieben ist. Mit ihrer Skepsis, der Ungewissheit und dem Mitfiebern.
Es ist der 15.05.2026, Freitagnachmittag. Zeit den Livestream des RAN anzuwerfen, Zeit mitzufiebern, Zeit zu sehen, ob es schon regnet. Um kurz nach 17 Uhr sehe ich im Livestream Matthais mit seinem Radl-Partner, Peter, als eines der unsupported Teams von der Startrampe rollen. Es sieht so aus, als würde es noch nicht regnen. Später werde ich erfahren, dass es da schon geregnet hat, aber noch viel, viel, viel mehr regnen sollte. Ich denke: hoffentlich ziehen sie bald genug die Regensachen an, wenn es zu regnen beginnt, sonst helfen sie ja nichts mehr. Kleiner Spoiler: Werden sie nicht, aber trotzdem wird die noch kurz vor knapp bestellte Regenhose mit das wichtigste Utensil in diesem Rennen. Ansonsten mit am Start: meine Regenhandschuche, die ich mir eigentlich vor 2 Wochen fürs Pendeln in die Arbeit gekauft habe und die Matthias jetzt mitgenommen hat. Sie werden nass werden, so richtig nass, also ein guter Härtetest – die 30 min Pendeln ins Büro halten sie auf jeden Fall dicht, 24h Dauerregen halten sie dann aber doch nicht stand…
Mittlerweile ist der Livestream abgeschaltet, es geht in die Nacht, ich hoffe inständig, dass es den beiden gut geht und sie es irgendwie schaffen, durch diese so kalte und regnerische Nacht. Hoffe, sie finden die geplanten Orte zum Aufwärmen, Nachfüllen und für eine kurze Pause – also vor allem die geplanten Bahnhofstoiletten.
Für mich geht es nach einer warmen Dusche ins kuschelige Bett. Aber ich schlafe unruhig, träume von Fahrradfahrern mit Flügeln und Tropenduschen. Wache fast alle 2 Stunden auf, sprinte zum Handy, das im Nebenraum am Ladekabel und aktualisiere die Dotwatching Seite. Bewegt sich der Punkt weiter? Mit welcher Geschwindigkeit kommen sie voran? Aus diesen Infos versuche ich zu schließen, ob es ihnen gut geht. Hoffe, dass die Autos, die in der Nacht unterwegs sind sie in diesem Regen sehen und nicht von der Straße fahre, Bange, ob der Kopf mitmacht, ob die Straße nicht zu rutschig ist, Versuche weiterschlafen, weil ich ja von hier aus eh nichts machen kann.
Endlich ist die Nacht überstanden. Frühstücken, dann direkt den Livestream anschalten. Tracker läuft sowieso die ganze Zeit nebenher. Eigentlich wollte ich am Samstag ja etwas gedanklich durchaus anspruchsvolles machen – Matthias ist nicht zu Hause, also ideal um mich endlich an eine wichtige Präsentation zu setzen. Aber keine Chance, ich kann mich nicht konzentrieren. Also Hausarbeit und nebenher Livestream. Ich beginne zu rechnen, wenn sie mit dem Tempo weiterfahren, könnten sie am späten Vormittag oder gegen Mittag in St. Aegyd sein. Aktuell sind sie wohl gerade irgendwo am Semmering. Laut Wetterradar regnet es da gerade nicht. Puh, dann sollte auch die Straße trocken sein, das hilft für eine sichere Abfahrt. Ich frage mich, wann bei Matthias der Tiefpunkt kommt, ob er den Schlafentzug jetzt gerade besonders spürt? Ob die Koffeinkaugummis helfen? Schnell noch eine Runde zum Lebensmittel einkaufen, so viel Luft ist sicher noch, bis die beiden bei der Verpflegstation ankommen.
Zurück vom Einkaufen schmeiße ich wieder den Livestream an. Sehe gezeichnete Gesichter, Lachen, Anstrengung und fiebere auf den Moment hin Matthias und Peter im Interview in St. Aegyd zu sehen. Endlich ist es so weit. Endlich ein Anhaltspunkt wie es ihnen wirklich geht. Ich begleite Matthias im Winter immer wieder zu Langlaufrennen und weiß, wie er aussieht, wie er spricht, wenn es ihm gut geht. Ich weiß aber auch, wie sein Gesicht aussieht, wenn es ihm nicht gut geht, wenn er im roten Bereich ist, wenn er Krämpfe hat, wenn das Rennen noch so unglaublich lang erscheint – wohl gemerkt sprechen wir hier von max. 3-5h Rennbelastung insgesamt. Ich hoffe dennoch anhand der Bilder einschätzen zu können, wie es ihm geht. Er sieht ein bisschen müde aus, aber er spricht fröhlich in die Kamera, lächelt, er scheint nicht zu frieren. Kurz nach dem Interview schwenkt die Kamera noch mit. Matthias holt sich auf kurze Nachfrage als erstes einen Kuchen an der Verpflegstation. In der Art wie er sich da bewegt und fragt bin ich mir jetzt ganz sicher: Es geht ihm gut, er kommt klar. Kurzes aufatmen. Wie es seinem Partner geht, kann ich nicht so gut einschätzen, aber ich hoffe einfach darauf, dass die beiden das schon rocken. Matthias schickt mir kurz später sogar ein Selfie und einem Daumen hoch. Alles klar also! Zu dem Zeitpunkt liegen die beiden ganz vorne im Rennen für die unsupported Kategorie. Zum ersten Mal denke ich, vielleicht, nur ganz vielleicht könnten sie das Ding sogar gemeinsam gewinnen.
Dann 40 min Stillstand. Der Punkt bewegt sich nicht mehr. Warum dauert das so lang? Mir ist schon klar, dass sie hier die Klamotten wechseln und was essen, aber warum braucht das so lang? In dem Moment wird mir schlagartig bewusst wie unfassbar vermessen diese Frage von mir überhaupt ist. Die Jungs fahren zu dem Zeitpunkt irgendwas um die 19/20h ununterbrochen Fahrrad. Durch die Nacht. Bei Regen und Kälte, ohne Verpflegung von außen, kein Auto hinter Ihnen, das Licht spendet, Zuspruch gibt oder mal einen Satz trockene (beheizte) Handschuhe. Zu diesem Zeitpunkt sind von 11 gemeldeten unsupported Teams nur mehr 3 Teams überhaupt im Rennen. Und ich stelle mir ernsthaft die Frage, warum sie gerade so „lange“ Pause machen. – kurz denke ich trotzdem darüber nach, ob sie vllt. auch aufgeben müssen?
Da – jetzt bewegt sich der Punkt wieder. Sie fahren weiter. Und ich fahre bald darauf ins Kino – ein Münchner im Himmel – den Film gibt es im Nachmittagsprogramm zusammen mit meinem Papa. Wenn der Film aus ist, könnten sie schon in Zielnähe sein.
Nach dem Film auf dem Rückweg in der U-Bahn klebe ich am Livetracker. Hui, das ist aber doch noch recht weit bis ins Ziel. Ich hatte erwartet, dass sie schneller vorwärts kommen würden. Aber was maße ich mir da eigentlich an? Ich kann mir überhaupt nicht vorstellen, wie es denen gerade gehen muss. So langsam fange ich an zu rechnen. Das könnte 20-21 Uhr werden bis sie ins Ziel kommen. Momentan liefern sie sich ein Kopf-an-Kopf Rennen mit dem unsupported mixed Team. Und wann ist eigentlich Zielschluss? Ah ja, um 22 Uhr. Nun gut, das sollten sie schon schaffen, aber viel passieren darf halt auch nicht mehr….
Ich sitze inzwischen wieder zu Hause mit Tracker und Livestream, so langsam nähern wir uns 21 Uhr, das erste unsupported mixed Team hat sie inzwischen knapp überholt, aber sie sind noch immer das erste unsupported männlich Team – und es ist nicht mehr weit bis ins Ziel, noch 15 min vllt. – und dann zack: Der Livestream ist aus. Einfach so.
Um Punkt 21 Uhr schaltet der Livestream ab.
Ich sitze kurz da und kann es nicht glauben. Enttäuschung steigt in mir auf. So gerne hätte ich die beiden doch jetzt ins Ziel kommen sehen. Die ganze Zeit war ich so dankbar um den Livestream, der wirklich gut gemacht war und so viel Spaß gemacht hat. Kompetent und witzig durch den Tag geführt, zum Schluss noch Bühne und Zielkamera im Blick – und dann ist Schluss – bevor überhaupt eines der drei noch so wackeren und hart kämpfenden unsupported Teams im Ziel ist. Ich verstehe es. Niemand hat damit gerechnet, dass es so lange dauern wird. Matthias und Peter wollten ihre Zeit vom letzten Mal unterbieten (das haben sie aber schon vor dem Rennen aufgegeben, die Bedingungen waren dafür nicht gemacht), dann wären sie schon lange im Ziel. Trotzdem – nach fast 28h Dotwatching und zahlreichen Stunden Livestream fühle ich mich um den Moment beklaut, die beiden ins Ziel fahren zu sehen.
Ich hätte mitfahren sollen nach Weitra, dabei sein, vor Ort sein, wenn die beiden ins Ziel kommen. Der Moment kommt nie wieder. Aber es gab Gründe im Vorfeld, warum ich nicht mitgefahren bin, gute, rationale, sinnvolle Gründe, die mir in diesem Moment klein, verschiebbar, unwichtiger erscheinen. Ich war bei vielen Langlaufrennen von Matthias dabei, wir haben viele emotionale Momente in diesem Zusammenhang geteilt. Aber bei diesem emotionalen Finish werde ich nicht dabei sein. Nicht vor Ort und nicht virtuell. Es gibt keine Bilder der Zieleinfahrt der beiden, keine abrufbaren jedenfalls und ich bin nicht vor Ort.
Dennoch erfüllt mich kurz darauf der Stolz und die Erleichterung als ich sehe wie der GPS Tracker sich über das Ziel bewegt. Sie haben es tatsächlich geschafft. Sie haben den Bedingungen getrotzt, sind über sich selbst hinausgewachsen und haben ihre Grenzen verschoben. Sie sind echte Sieger, genau wie alle die dieses RAN 2026 gefinisht haben. Was für eine Erfahrung muss das sein, was für eine unglaubliche Leistung!
Um kurz nach 23 Uhr bekomme ich ein Foto mit dem Siegerholz für die unsupported männlich Kategorie von den beiden. Sie sehen stolz aus – und müde. Matthias und ich wünschen uns eine gute Nacht, und gehen schlafen. Wir schlafen beide in dieser Nacht wie Steine. Am nächsten Morgen scheint in Weitra die Sonne – na wäre das mal ein bisschen früher der Fall gewesen. Wie auch immer, das RAN 2026 ist Geschichte. Matthias kommt am Sonntag zurück, glücklich, müde und zufrieden und ich bin froh, ihn wohlbehalten wieder zu haben!
Beim RAN 2026 habe ich also mitgezittert, mitgefiebert, gehofft und wollte so oft den GPS-Punkt der beiden anschieben, damit er sich doch schneller bewegt – um dann zu realisieren, was für eine Leistung es ist, dass der Punkt sich überhaupt bewegt… Meinen allerhöchsten Respekt an alle die sich dem RAN 2026 gestellt haben, ganz besonders aber allen unsupported Fahrerinnen und Fahrern, die es geschafft haben, aber auch an die die aufhören mussten, aus Zeitlimit Gründen, körperlichen Gründen oder anderen. Ihr seid alle unglaublich!!


